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Dr. Michael Jähne hält die Eröffnungsrede. Foto: Institut für aktuelle Kunst, Oranna Dimmig

Dr. Michael Jähne hält die Eröffnungsrede 

Blick in die Ausstellung. Foto: Institut für aktuelle Kunst, Oranna Dimmig

Blick in die Ausstellung 

Blick in die Ausstellung. Foto: Institut für aktuelle Kunst, Oranna Dimmig

Blick in die Ausstellung 

Thomas Wojciechowicz im Gespräch. Foto: Institut für aktuelle Kunst, Oranna Dimmig

Thomas Wojciechowicz im Gespräch 

Alfred Diwersy, Josef Gros und Paul Schneider. Foto: Institut für aktuelle Kunst, Oranna Dimmig

Alfred Diwersy, Josef Gros und Paul Schneider 

Ausstellung: "Thomas Wojciechowicz Holzskulpturen - Zeichnungen" im Kunstverein Dillingen im Alten Schloß

Der Roman "Das Lied der Welt" von Jean Giono (1934) beginnt mit den Sätzen: "Antonio umfaßte die Eiche. In seinen Händen spürte er das Zittern des Baumes. Es war eine alte Eiche, stark wie ein Mann der Berge und sie stand gerade da, wo die Strömung sich fing (..) 'Wie geht´s ?' fragte Antonio den Baum. Der Baum hörte nicht auf zu zittern. 'na', sagte Antonio, 'es scheint nicht so gut zu gehen'. Mit seiner schmalen Hand streichelte er sanft den Baum."


Diese kurze Passage aus einem Roman der vom archaischen naturverbunden Leben der Hirten in der Haute-Provence handelt, umschreibt sehr poetisch mehrere Facetten von Thomas Wojciechowiczs künstlerischem Schaffen: vor allem das Verhältnis zu seinem "Arbeitsmaterial" – man mag  fast gar nicht von Material sprechen, sollte eher Partner oder Gegenüber sagen – das ist nicht einfach Holz, das als filetierte Leichenteile im Parkettfussboden auftaucht, sondern der Baumstamm in seiner Ursprünglichkeit, die doch sehr viel mehr ist, als eine erstarrte Vegetationsform. Es muss in diesem "Material" etwas enthalten sein, eine Potenz, eine formende Kraft – und es gehört wohl eine bestimmte Sensibilität dazu, dieses Innenwohnende, die Essenz herauszuspüren und herauszuarbeiten.


Diese – vielleicht intuitive – Nähe zum „Roh“material, zum ursprünglichen Stoff, lässt sich wohl auch als "archaisch" umschreiben im Sinne von ursprungsnah, "primitiv" – abgeleitet von "zuerst".
Was dies beinhaltet, mögen zwei Hinweise deutlicher machen:


Zum einen auf die Artefakte so genannter Naturvölker oder primitiver Kulturen, so in den grob zugehauenen Fetischfiguren der Volksgruppe der Lobi in Westafrika. Die Lobi-Schnitzer bearbeiten ihr Material – Holz – gerade soviel, wie nötig ist, um die dem Material innewohnende Kraft, sein geistiges Potential in eine dem Betrachter (und Benutzer) visuell rezipierbare Form, eine menschenähnliche Figur, zu bringen, die Schutz oder Fruchtbarkeit gewährt.


Zum zweiten gibt es eine Eigenheit antiker griechischer Tempelbauten des 6. bis 5. Jahrhunderts – einer Epoche die z. T. auch als "archaisch" bezeichnet wird – bei diesen Tempelbauten verlaufen horizontale Linien – etwa die obere Kante des dreistufigen Sockels in einer Kurvung von den Enden zur Mitte nach oben und nach vorne (und wieder zurück). Diese Kurvatur, aber auch die Entasis (Schwellung) der Säulen verleiht der Architektur eine Anmutung des Lebendigen, Organischen ohne dass sich diese Anmutung bei ersten Anblick zu recht fassen lässt. Den Klassizistischen Bauten des 19. Jahrhunderts, die die Antike wieder aufnehmen  fehlt in ihrer unbarmherzigen Geradlinigkeit diese Anmutung völlig. Es scheint als spürten die antiken Steinhauer im scheinbar toten Stein eine Lebendigkeit die sichtbar oder erfahrbar werden musste.

Thomas Wojciechowicz bezeichnet den Bildhauer Paul Schneider (sein Schwiegervater) al seinen Mentor. Ohne hier irgendeinen weiteren Bezug herstellen zu wollen, lässt sich wohl sagen, dass beide Künstler in der Sensibilität übereinstimmen in ihren "Materialien", deren latent vorhandene Lebendigkeit – vielleicht sollte man von einer spirituellen Lebendigkeit sprechen – zu erspüren und sehbar zu machen: Paul Schneider im Stein, Thomas Wojciechowicz im Holz.


Es ist dies wohl mehr als das Offenlegen von Materialstrukturen, es ist die Freilegung eines geistigen Gehaltes der in der Materie ruht.

Ich möchte dies hier, ohne Ansehung der Objekte, nur an einer Skulptur beschreiben.


In der Skulptur wächst aus einem stehenden Quader mit holzsichtiger Oberfläche und unregelmäßig gekurvten Kanten eine doppelte Schleife, bestehend aus einen „Stab“, der zwar einen rechteckigen Grundriss hat, aber in sich tordiert ist. Dieser Stab steigt aus dem Block empor, bildet zwei parallele Schlaufen, die etwas nach außen kippen und läuft wieder in den Sockel zurück. Die weiße Farbfassung gibt  der Schleife schwebende Leichtigkeit und setzt sie in Kontrast zum schweren tragenden Block darunter. Der Eindruck einer kräftigen Tektonik (tragender Sockel, getragene Schleife) wird durch die scheinbare Bewegung der Doppelschleife wieder aufgelöst. Die, wie eine Spirale wirkende, Doppelschleife ist in scheinbar ständigem Aufwachsen, Schwingen und Zurückfallen begriffen und setzt der Masse des Blockes  mit dieser Bewegung  die Räumlichkeit entgegen. Hier, wie in anderen Skulpturen der Ausstellung, klingt ein Hauptmotiv im Werk Thomas Wojciechowiczs an: die Spirale – eine ständig  weiter wachsende, schwingende, Raum in und um sich schaffende Figur.


Gerade diese Figur aber hat eine weitere Assoziation, die in diesem Zusammenhang wichtig ist: ein elementarer Baustein des Lebens ist die DNA als Trägerin der Erbinformation hat die Form einer Doppelspirale.


Aus der Naturform, dem ausgewählten Teil der Vegetation stemmt, meißelt und sägt Wojciechowicz in lauschender Sensibilität das Allgemeingültige, die Essenz, die sichtbar gewordene Welterfahrung heraus. Er nimmt in seinen Holzskulpturen Wachstumsformen auf, konzentriert oder erweitert mit seinen Eingriffen die vegetabilischen Gegebenheiten z. T. zu neuen Raumformen bis der Ausgangspunkt, Ast oder Stamm zum Zeichen, zur Geste geworden ist. Wojciechowicz tut dies mit Respekt vor der natürlichen Formgebung, die er aufnimmt, herausarbeitet und in die Ausdruckskraft seiner Skulpturen einfließen läßt. In diesem Ergebnis sind "das Allgemeine und Wesentliche, der Gehalt, die Aussage, das Typische (...) in das Gewand sinnlicher Einzelheiten gehüllt" so das Lexikon der Ästhetik (Henckmann/Lotter: Lexikon der Ästhetik. München 1922. S. 63).


Dies trifft auch für die zweite Werkgruppe von Thomas Wojciechowicz zu, die in dieser Ausstellung neben den Skulpturen gezeigt wird: Zeichnungen in gewisser Weise, Enkaustik-Arbeiten, die sich vom Flächenkünstlerischen (Malerei/Grafik) in das Skulpturale bewegen.

Ein Aspekt des Handwerklichen, der Technik ist hier wichtig – der Bildhauer geht bei seinen flächenkünstlerischen Arbeiten über das Bewegen eines Zeichenstiftes auf einer Fläche (Papier) hinaus. Er trägt entweder die Farbe in dicker Schichtung pastos auf und/oder er bedient sich der alten Technik der Enkaustik. Die Farbe wird in Wachs gebunden und dann verarbeitet, d. h. es steht eine "Masse" zur Verfügung, die – cum grano salis – als Material plastisch formbar ist, sowohl im schichtigen Auftragen, als auch in der Möglichkeit in die Masse kratzend, schneidend, pressend oder schiebend einzugreifen. Die Enkaustik bietet die Möglichkeit des lasierenden oder pastosen Auftrages, des Ineinanderdrückens der Farbe, des Schabens, Ritzens, Punktierens und Linierens im schichtigen Auftrag, d. h. einer fast reliefierenden Bearbeitung, und mehr als jede andere Maltechnik eine elementar bildhauerische Art der Bearbeitung.

An dieser Stelle nur ein kleiner Denkanstoss: ist es Zufall, dass TW, neben dem Holz; den "Naturstoff" Bienenwachs als "Material" wählt oder ist es auch die latent spürbar Potenz des Lebendigen? Man erinnere sich nur an die verblüffende Art in der Bienen und ihr Wachs zusammenarbeiten.

 

Wojciechowicz bindet die Farbe in die Materie, um ihre energetische, räumliche Potenz zusätzlich zu visualisieren oder anders ausgedrückt, er zieht die Farbe heran, um die Energie, die seinem Material innewohnt, verstärkend sichtbar zu machen.


Hauptelement der flächenkünstlerischen Arbeiten ist die Linie, die sich in sehr dynamischen Zug die Fläche erobert, sich zur Spirale rollt, damit die Expansion in den Raum vorantreibt und noch stärker als etwas Bewegliches wahrgenommen wird. In spiraliger Bewegung greifen auch Pflanzenranken von ihrem Stängel ausgehend in den Raum aus um Halt zu finden und sich weiter in den Raum zu bewegen.

Im Fortschreiten seiner „Flächenarbeiten“ löst Thomas Wojciechowicz die Spiral – Linien in Ringe oder Scheiben auf, die scheinbar ungeordnet durch den Raum wirbeln – die Ur-Form der Spirale ist immer noch spürbar. Der Raum wird aber nicht nur auf einer Koordinate durchdrungen, sondern in mehreren, in vielen: die Potenz der Beweglichkeit im Raum, ist zu Omnipotemnz geworden.


Thomas Wojciechowicz spricht von linear-räumlichen Strukturen, so ergeben sich schließlich die Begriffe Raum und Bewegung – als Zeugnisse und Gradmesser der spirituellen Lebendigkeit im Material.

Man wird bei Thomas Wojciechowicz von einer Transposition des skulpturalen Gestaltens ins Flächenkünstlerische sprechen dürfen, wobei sich die gleiche Syntax nur eines anderen Materials bedient. Bei Thomas Wojciechowicz ist der Inhalt objektiv das, was im Material, in der Natur "gegeben" ist. Die Theorie der Ästhetik unterscheidet zwischen dem Inhalt, der als Sujet oder Fabel "abgelöst" (Adorno) werden kann, und dem Material, womit der Künstler arbeitet. Das Material bestimmt den Inhalt, so wie Mensch und Welt durch das Medium der künstlerischen Tat getaltet und wahrgenommen werden.
So spürt Wojciechowicz im Material die innewohnende Idee auf, arbeitet sie heraus und verstärkt und verdichtet sie zum visuellen Erlebnis und stößt das Weiterdenken im Kopf des Betrachters an.


"Mit ihrer Wahrnehmung stellt sich die Vorstellung des Vorganges ein, wir empfinden ihn mit, indem wir ihn sozusagen innerlich mitagieren und diese Aktion der äußeren Erscheinung als Ursache unterlegen", schreibt Adolf Hildebrand 1910 (Adolf Hildebrand, Das Problem der Form in der Bildenden Kunst. Straßburg 1910. S. 77). 
In dem Wojciechowicz die dem Material innewohnende Energie, Beweglichgung, Kraft wahrnehmbar macht, fordert er das "innerliche" Mitbewegen des Rezipienten heraus.


Finden und Erfinden der Form sind für Wojciechowicz die beiden untrennbaren Seiten eines Vorganges; es ist kein Oszillieren zwischen künstlerischer und natürlicher Form – der künstlerische Eingriff macht vielmehr das in der Vielfalt der natürlichen Form angelegte Wesentliche sichtbar. Der Künstler legt die innere Form (Plotins "endon eidos") frei, die – nach Plotin – als Voraussetzung in der Seele des Schaffenden ebenfalls bereits angelegt sein muss.


Es gelingt Thomas Wojciechowicz, in seinen Arbeiten nicht nur Material und Methode in Einklang zu bringen, einen unmittelbaren Zugang zum Rezipienten zu gewinnen und damit sowohl in seinem "Hauptwerk", dem skulpturalen Schaffen, als auch in den nicht minder wichtigen flächenkünstlerischen Arbeiten nicht nur ein sinnliches Erlebnis, sondern auch Erkenntnis zu erzeugen.

 

Michael Jähne (Eröffnungsrede)

letzte Änderung: Montag, 05.10.2009



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